Wer kennt sie nicht, die legendären Rennsimulationen aus den späten 80ern und 90ern?

Chequered Flag Konami 1988
California Speed Atari Games 1998
F-1 Grand Prix Star II Jaleco 1993
Out Run Sega 1986
Speed Racer Namco 1995
Turbo Out Run Sega 1989

 

Rennsimulationen, die einem das Gefühl gaben, selbst mal einen Rennwagen oder super teuren Sportwaren zu steuern, wenn auch nur für ein paar Minuten :-)

Zufällig stolperte ich in den Kleinanzeigen im Jahre 2019, kurz vor der Pandemie, über ein solches Cabinet, ohne Elektronik, etwas ramponiert und mit einer Bildröhre ausgestattet. Eher aus Neugier, denn aus echtem Interesse nahm ich Kontakt zum Verkäufer auf und besichtigte das gute Stück. Was sich dann da vor mir präsentierte, war ein Cab, das eine ganz eigene Geschichte der vergangenen Jahrzehnte erzählte.

 

Cabinet

 

Zugegeben, es sah nicht so gut aus, die Seite war verkratzt, das Logo nicht vorhanden und der Sitz, eine Metallplatte überzogen mit Kunstleder, abgesetzt und das Kunstleder verblichen und durchgesessen. Im Fußbereich wurde ursprünglich eine Gummimatte auf Holzplatten verklebt. Diese hatte im Laufe der Jahre einige Tritte abbekommen und war durchgetreten unterhalb des Gas- und Bremspedals.

Alles in allem war die Substanz gut, es musste halt einige an Arbeit rein gesteckt werden. Leider sind mir einige der Bilder, die ich vor und während des Umbaus gemacht habe, abhanden gekommen, vermutlich irgendwann versehentlich gelöscht. Deswegen beschränke ich mich an dieser Stelle auf eine kurze Zusammenfassung der einzelnen Schritte.

Zunächst einmal wurde die Bildröhre mitsamt der Aufhängung entfernt und später durch einen Einbau ersetzt, in dem der 19" TFT Monitor befestigt wurde. Dieser Einbau ist jederzeit wieder zu entfernen, so dass ein defekter Monitor ersetzt und gegebenenfalls die Halterung angepasst werden kann. Danach war der Fußbereich dran. Statt die Gummimatten zu ersetzen habe ich neue Bretter eingesetzt und diese mit Alu Riffelblech belegt. Das erschien mir passend für solch eine Maschine.

Unter dem Sitz war im Originalzustand ein Lautsprecher für den Bass montiert, leider defekt. Die Halterung für den Lautsprecher war mit dem Blech verbunden, trennen, versetzen oder einen neuen Lautsprecher einsetzen nicht ganz trivial. Deswegen entschied ich mich, meine alte Logitech 2 in1 Soundanlage mit Bass unter dem Sitz zu montieren. Im Original waren jedoch einige Querstreben und Stabilisationsbretter verbaut, die dafür sorgten, dass das Sitzblech sich nicht verbiegen konnte. Das machte es aber unmöglich, das Gehäuse der Logitech Anlage zu verbauen, also fiel auch der Sitz dem Neubau zum Opfer.

Nach einiger Suche habe ich einen Autositz bei Kleinanzeigen erstehen können, den ich dann mit einem entsprechenden Unterbau für meine Logitech versehen habe. Hat auch alles so weit funktioniert, allerdings war der Sitz größer als der Bügel über dem Originalsitz

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Deswegen habe ich das Gestell aufgetrennt getrennt und mit ein paar Vierkantstahlrohren verlängert. Sieht man auf dem Bild ganz gut als Ausbuchtung. Danach wurden alle Metallteile rostfrei und mit Metallschutzlack in Silber übermalt.

Das Ergebnis kann sich meiner Meinung nach sehen lassen:

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Was hier zu sehen ist, ist schon fast das Endergebnis. Das Cockpit wurde / musste neu gemacht werden, die originalen Scheiben für Tacho und Drehzahlmesser waren verkratzt und lichtundurchlässig. Auf der rechten Seite war vormals der Münzeinwurf verbaut, dieser wurde dann im Zuge der Restauration durch Steuerelemente für Hyperspin ersetzt, ebenso wie die Beschriftung des Ganghebels. Die Hinterleuchtung des Tachos und des Drehzahlmessers habe ich mittels flacher LED Einbauscheinwerfer realisiert, Tank- und Temperaturanzeige links im Cockpit wurde später einfach mit einer LED Glühbirne hinterleuchtet. Für den Blinker habe ich noch einen kleinen Elektronikbausatz bestellt, damit das auch anfängt abwechselnd zu blinken. Sehr realistisch 😎

✅ Tipp: Wie immer gilt: Rechte Maustaste auf die Grafik und diese im neuen Tab öffnen. Dann sind die Bilder richtig schön groß und man sieht auch die Details. Wer auf dem Handy liest, kann die Bilder auch einfach nur groß zoomen.

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Die besondere Herausforderung war jedoch die Steuerung. Ich habe mir einiges an Gedanken gemacht, wie ich die Lenkbewegung in eine Mausbewegung umsetzten kann und bin dann zunächst auf die Idee gekommen, die Lenkachse zu verlängern, mit einem Rad zu versehen und damit die Maus zu steuern. Bei Probespielen im Vorfeld hatte war in jedem Spiel das Lenkrad mit der Maus zu steuern. Entweder ar die X-Richtung hinterlegt, oder die Cursertasten, die allerdings oft in Kombination mit der X-Richtung voreingestellt waren.

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Als Ergebnis ist dann diese Steuerung herausgekommen, die sich allerdings als suboptimal herausstellte. Das Problem war, dass gerade bei schnellen Lenkbewegungen die Maus nicht hinterher kam und sich so die Lenkbewegung immer aufkumuliert hat und dann entweder links oder meistens rechts in Vollanschlag stehen geblieben ist. Als Konsequenz musste man, um gerade aus zu fahren, den Lenkeinschlag voll in die Gegenrichtung drehen, ohne dann aber auf dieser Seite weiter in diese Richtung lenken zu können.

Lösung: Spiel beenden, neu starten und irgendwann wieder bei Volleinschlag zu sein.

Das konnte es nicht sein. Also bin ich auf die Suche gegangen und wiederrum in den Kleinanzeigen fündig geworden: Logitech-Lenkrad “Wingman Formula Force GP“

nicht gerade das modernste, dafür aber günstig (15 € inklusive Versand) und von Windows sofort erkannt. Erste Versuchsspiele mit dem Lenkrad super, die Steuerung einwandfrei und sehr präzise. Was dabei auch herauskam, Gaspedal und Bremse werden sind über das Lenkrad ansteuerbar, für die meisten Spiele reicht aber Vollgas, bzw. Vollbremsung. Die Steuerung von Gas und Bremse werden beim Wingman über Potis geregelt, ebenso die Steuerung selbst. Zusammen ergibt das einen Joystick mit X und Y-Achse. X-Achse Steuerung, Y-Achse Bremsen oder Gas.

Jetzt musste "nur" noch das Plastiklenkrad durch das Metalllenkrad des Chequered Flag ersetzt werden. Deswegen erst mal das Lenkrad zerlegen:

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Wie man sieht (falls man das Bild vergrößert hat) befindet sich das Poti am unteren Ende der Lenkachse und durch die Lenkachse wind Kabel geführt, die von den Bedienschaltern am Lenkrad her kommen. Zwei dieser Schalter befinden sich hinter dem Lenkrad, als Schaltwippen, vier davon an der Vorderseite, um weitere Funktionen zu schalten. Schon bei den ersten Versuchen mit der Maus und später mit dem Logitech Lenkrad, stellte sich heraus, dass der Schalthebel des Originalspiels nicht wirklich tauglich ist. In Bild weiter oben, in dem man die Elektronik sieht, ist zu erkennen, dass es nur einen Schalter gibt. Also entweder offen oder geschlossen. Für die Originalelektronik kein Problem, für MAME aber schon.

Viele Spiele haben nur zwei Schalteinstellungen: HI oder LO, hoher Gang (schnell - HI) niedriger Gang (langsam - LO). MAME regelt das über zwei Tastenanschläge. Sagen wir mal, die Belegung für HI / LO ist die taste "S". Das bedeutet, einmal "S" gedrückt schaltet hoch (HI), wieder "S" gedrückt schaltet runter (LO). Dazwischen muss die Taste kurz losgelassen werden, zum Schalten. Konsequenz: Mit nur einem Schalter geht das nicht. Lösung: Entweder man baut an den Schalthebel noch einen Schalter, beim Schalten entsteht genau dieser Effekt des kurz los lassens, oder man versucht die Schaltwippen des Wingman zu belegen.

Letzteres hat den Vorteil, dass man die Schaltwippen auch bei Spielen nutzen kann, die einen Schalter für Gänge hoch schalten und einen für Runterschalten haben. Außerdem habe ich Spielchen gefunden, die bis zu sechs Gänge haben, die geschaltet werden müssen. Also brauche ich sechs Schalter, um die Gänge zu schalten und das bietet ja der Wingman 😁

Ob das nun die verbauten Mikroschalter sind, oder normale Arcadetaster, spielt ja keine Rolle, Hauptsache der Impuls kommt. Nach etwas herumprobieren hab ich dann drei Taster zusammen geschraubt, einen davon gedreht, so dass er nach hinten schaut.

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jetzt fehlt nur noch die Abdeckung. Auch hier wieder eine tricky Bastelarbeit mit maximaler Toleranz, unter Vernachlässigung säntlicher Designstandards, außer F³: "form follows function"

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Funktioniert und später kommt massig schwarzer Metallschutzlack drauf, dann siehts nicht so hässlich aus und beim spielen schaut man ja eh auf den Monitor.

Gleich hinter dieser Ecke lautere schon die nächste Hürde, die Verkabelung der Buttons. Sechs Buttons, sieben Kabel. Eine Verkabelung an der Lenkachse vorbei geht nicht, zu viele Scheuerstellen und Knicke. Also wurde die Längsachse komplett durchbohrt, zuerst mit einem 6 mm Bohrer, dann aufgeweitet mit 7 mm, weil die Kabel nicht richtig durch passten. Klar hätte man auch dünnere Kabel nehmen können, die hatte ich aber nicht und die sind dann auch nicht so stabil. Bohrlänge: 25 cm.

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Nachdem die Kabel durchgezogen waren, wurden diese nochmals mit Schrumpfschlauch geschützt, was auch den Vorteil hat, dass man beim Schrumpfen eine Richtung mitgeben kann. Aus dem Grund sind die Biegungen dann auch dauerhaft, ohne dass diese sich zurückbilden.

Die Steuerplatine des Wingman ist auch wieder montiert und die Kabel werden mit den Anschlüssen verbunden. Dazu nutze ich die Originalen Stecker, bei denen ich die alten Kabel gekappt und über eine Lüsterklemmenleiste die mit den Neuen verbunden habe. Damit schlage spare ich mir die Anschlüsse am I-Pac, mit dem ich normalerweise dies MAME Funktionen und Hyperspin steuere. Ist zwar jetzt der Overkill, so ein teures Teil für ein paar Tastendrucke zu nehmen, aber irgendwann kommt dann so ein Zero Delay Teil rein, wenn ich den I-Pac anderweitig einsetzen will.

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Wie man auf diesen Bildern auch erkennen kann, wurde das Poti zur Lenkbewegungssteuerung an der Lenkachse angeschlossen. Dazu habe ich dem Winkman die Aufnahme hinten abgesägt und zufälligerweise war der Innendurchmesser genau so groß, wie der Außendurchmesser der Lenkachse. Einfach aufstecken und gut is. Sitzt satt, kann aber immer noch fein justiert werden, ohne dass die Gefahr besteht, dass im Spiel das Poti die Lage ändert. Das Poti selber ist auch nur lose gesteckt, die Haltung dient nur der Lagebestimmung und alles ist schwimmend gelagert, damit das Poti keinen Schaden nimmt.

Nachdem alles montiert war, die ersten Proberennen erfolgreich absolviert, darf der Chequered Flag endlich zu seinen Kumpels im Verein und bringt vor allem den Kids massig Spaß 👍

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Weitere Infos zur Maschine finden sich Online im Arcade Museum

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